In Zeiten wie diesen … 🇦🇹

von | 25. September 2020

Pongau und Pinzgau | Im August machte die Kuppel von European Public Sphere in drei Gemeinden in österreichischen Bundesland Salzburg Station. Es war nach 2019 schon die zweite Tour gemeinsam mit Querbeet, einem Projekt, dem es um kulturelle Vielfalt im ländlichen Raum geht und das versucht, das Gespräch zwischen den Menschen in den Dörfern und kleinen Städten der Region zu beleben.

Die Themen waren reichhaltig. Von großen globalen Fragen bis hin zu ganz konkreten Problemen vor Ort war alles dabei bei unseren drei Gesprächen, die jetzt im August doch noch stattfinden konnten.

Ursprünglich sollten wir schon im Frühjahr wieder ins Salzburger Land kommen, um in drei Gemeinden unsere Kuppelgespräche fortzusetzen, die wir ›› 2019 gemeinsam mit dem Salzburger Projekt Querbeet begonnen hatten. Doch kurz bevor die Reise losging, wurde alles abgesagt. Nicht nur unsere Tour, das ganze Land, ja beinah die ganze Welt wurde heruntergefahren. Es war Pandemie. Jetzt im Sommer war diese etwas berechenbarer geworden. Wir sind im Freien, können Abstand halten und die Infektions-Zahlen sind niedrig. Drei Gemeinden – Schwarzach im Pongau, die Pinzgauer Gemeinde Saalfelden und Bad Hofgastein – haben uns eingeladen, die Kuppel aufzubauen und so konnten die Gesprächen zum ursprünglich geplanten Thema „Demokratie und Kulturvielfalt“ stattfinden.

Wie zu erwarten war, war das Thema „Corona“ allgegenwärtig. Das Virus, das um die Welt geht, bringt viel in Bewegung, hat viel verändert und fordert uns heraus, mit der Situation umzugehen. „In Zeiten der Krise …“ oder „in Zeiten von Corona…“ wurden die Wortmeldungen oft begonnen und doch gingen die Themen und Fragen viel weiter.

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„Was zeigt uns die Wirtschafts- und die Klimakrise? Dass wir in den Klimaschutz investieren müssen und wir eine neue Art des Tourismus brauchen – mit mehr Qualität. Dazu müssen wir die Geldströme und die öffentlichen Förderungen umlenken in Richtung Nachhaltigkeit und Qualität.“

Zoran Gajic

Ein Teilnehmer in Saalfelden

Nach Absage im März konnten wir dann im August die Kuppel in Schwarzach aufbauen

Die Ausnahmesituation der Pandemie fordert auch heraus, auf viele Dinge neu hinzusehen: Das Kulturleben in der Gemeinde mit Ausstellungen und Veranstaltungen, wie war es durch die Corona-Maßnahmen betroffen und wie hat man versucht, sich trotz der notwendigen Einschränkungen nicht unterkriegen zu lassen? Oder die ökonomische Situation in einer Tourismus-Region. Kann die Krise eine Chance sein zu mehr nachhaltigem Tourismus? Die absurden Blüten eines Ballermann- oder Ischgl-Tourismus will man nicht mehr mittragen, aber auch die guten Besucher-Zahlen im Sommertourismus sah man nicht unkritisch. Als etwa das Gasteinertal im Frühjahr mal insgesamt in die Quarantäne musste und ganz leer war, weckte dies eine Sehnsucht nach Besinnung und Ruhe in der Natur. Und dennoch. Man muss für den jetzt wieder in Fahrt kommenden Tourismus „auch dankbar sein“, weil man ja davon lebe. – Es sind Widersprüche im System, wenn wir von den Dingen leben müssen, die uns eigentlich schaden und bedrohen.

Eindrücke von unserer Tour auf unserem YouTube-Kanal

Ein weiteres Thema war – und dazu wurde ja auch eingeladen – die Demokratie. Wie gehen wir überhaupt demokratisch mit Krisen um? Ist in einer Akutsituation einerseits schnelles Handeln von Seiten der Regierungen notwendig und verständlich, braucht es andererseits hinterher gerade umso mehr Transparenz und Beteiligung. Hier waren auch deutlich Worte zum Beispiel mit Blick auf Ungarn zu hören, aber auch das eigene Land blieb nicht ohne Kritik in Bezug auf den Umgang mit der Corona-Krise. Ich habe hier die Perspektiven der direkten Demokratie und der Bürgerbeteiligung, zum Beispiel auch Bürger*innen-Räte angesprochen. Auch andere haben sich in Richtung einer Stärkung der Demokratie eingebracht.

Nicht nur die Themen, auch die Gäste unter der Kuppel waren vielfältig. Vielleicht sind einige noch etwas verhalten bei öffentlichen Veranstaltungen – diese Erfahrung wird vielerorts gemacht – und so kamen neben den eingeladenen Gästen nicht ganz so viele andere Teilnehmer*innen, aber in Hinblick auf die Abstandsregeln hätten auch gar nicht viel mehr Platz unter der Kuppel gehabt. Den lebendigen Diskussionen hat es ohnedies keinen Abbruch getan.  

Bei allen drei Dome-Talks waren die Bürgermeister der Gastgeber-Gemeinden mit im Gespräch. Andreas Haitzer in Schwarzach, Erich Rohrmoser in Saalfelden und Markus Viehauser in Bad Hofgastein. Weiteres eingeladen waren der ehemalige Salzburger Landtagsabgeordnete Cyriak Schwaighofer, der Politikwissenschaftler Franz Fallend, Wolfgang Forthofer vom Salzburger Bildungswerk und die Salzburger Landesrätin Andrea Klambauer.

Für mich war neben vielem anderen die Rolle von kleineren Gemeinden interessant, die sich hier bei allen drei Gesprächen in besonderer Weise zeigte. Ein Gedanke war mit dabei wichtig. Wir brauchen viel Vorstellungsvermögen für das notwendige Neue. Die Corona-Krise hat vieles in Bewegung gebracht, gerade dadurch, dass der übliche Trott zunächst einmal zum Stillstand gekommen ist. Das Wirtschaftssystem zeigte sich bisher als nicht sehr krisenfest. Die Politik ist herausgefordert, die Krise so zu meistern, dass der Zusammenhalt in der Gesellschaft nicht verloren geht – durch transparentes Vorgehen, aber auch dadurch, dass alle eingeladen sind, demokratisch mitzugestalten.

 

„Zur Demokratie möchte ich sagen, mir wäre lieber, ein bisschen weniger EU und ein bisschen mehr das Volk reden lassen und nicht über uns hinweg bestimmen. Ich beneide die Schweiz, die wirklich das Volk reden lassen.“

Hanna Breitfuß

Teilnehmer aus Saalfelden

Strahlendes Wetter und prächtige Kulisse in Bad Hofgastein

Die konkrete Gemeinde kann hier ein Fundament sein, für das Gespräch, für die Beantwortung der Frage, wie wir weitergehen wollen, wenn die alten Wege nicht mehr weiterführen. Die größere Herausforderung ist aber noch die Klimakrise. Wir werden im Laufe der nächsten Jahrzehnte unsere ganze Welt nochmal neuerfinden müssen, wie die Menschheit dies schon mehrmals – zum Beispiel im Zuge der „industriellen Revolution“ getan hat. Das Kulturleben in seiner Buntheit ist hier eine Schule der Phantasie, es kann die Bereitschaft, alte Denkbahnen zu verlassen, befördern, indem es uns zeigt, dass es eine Vielfalt von Wegen 

Gut besetzte Kuppel in Saalfelden

und Blickwinkeln gibt und eine Vielfalt von Möglichkeiten, wie wir unser Leben gestalten wollen. Wir sind nicht festgelegt auf ein „Das-War-Ja-Schon-Immer-So“.

Wir können im Austausch mit dem Anderen lernen, uns auch das noch gar nicht Vorhandene, das, was wir erst noch hervorbringen müssen, vorzustellen. In solchen lebendigen Gemeinden, wie den dreien, in denen wir jetzt die Kuppel aufgebaut haben, kann im Gespräch zwischen konkreten Menschen der Boden bereitet werden, für das, was wir als Herausforderung des ganzen Planeten vor uns haben.

Zum Schluss möchte ich mich noch bei Maria Fankhauser und Sabine Hauser von Querbeet Pongau bzw. Querbeet Pinzgau für die gute Zusammenarbeit bedanken. Wir haben schon eine dritte Tour für 2021 ins Auge gefasst!

Die drei Gespräche sind vollständig auf unserem ›› Youtube-Channel dokumentiert. Ein 20-minütiger Zusammenschnitt vermittelt ein paar Eindrücke und einen Überblick.

Die Querbeet-Tour hatte eine breite Trägerschaft und Unterstützung:

Einige Fotoeindrücke von unserem Dome-Event: