Krzyżowa – Europäische Geschichte schreiben

von | 6. Juni 2019

Krzyżowa | Unser Halt in Krzyżowa war ein ganz besonderer für mich. Vor 3 Jahren hatte ich hier, noch als Studentin, an einem Workshop zur Erstellung eines Multi-Media-Guides für die Outdoor-Ausstellung „Mut und Versöhnung“ mit 5 weiteren Pol*innen und Deutschen teilgenommen… und so über Krzyżowa, das ehemalige Kreisau und seine historische Rolle erfahren. Nun wollten wir über die European Public Sphere noch etwas zu Mut und Versöhnung beitragen. Daher luden wir zum Start unser Polen-Tour 1785 Km Polen Jugendgruppen aus Deutschland und Polen zum Gespräch.

Krzyżowa mit seinen ca. 200 Einwohner*innen ist ein wahrlich winziges Örtchen in Schlesien. Umgeben von hügeligen Feldern, Wäldchen und angrenzend an das Nachbardorf von etwa dergleichen Größe, spiegelt es wunderbar die Idylle und das Geheimnisvolle des ländlichen Südpolens wider. Zeit ist wie immer relativ und hier scheint sie angenehm gemächlich zu vergehen.

Umso erstaunlicher ist es, welche Rolle der Ort in unserer europäischen Geschichte einnimmt. In der Mitte des Dorfes, auf einem mittlerweile prächtig restaurierten Gut, traf sich während des 2. Weltkrieges mehrmals der Kreisauer Kreis. Diese Widerstandsgruppe, bestehend aus Vertreter*innen der ehemaligen Volksparteien vor NSDAP-Zeiten, des Adels und der katholischen und protestantischen Kirchen überlegte sich in ihren Treffen eine Ordnung nach dem NS-Regime – Hochverrat also, der letztlich für viele Mitglieder zum Tode führte.

Der Ort der Versöhnungsmesse von 1989

Wir sind die nächste Generation. Wir sollten definitiv in der Lage sein zu wählen, denn das ist unsere Zukunft nicht ihre. Und ich denke, wir müssen wirklich hieran arbeiten, weil später, um nochmal auf den Klimaschutz zurückzukommen, ist es unsere Welt und wir wollen darin leben. Nicht in einer kaputten Welt, sondern einer, in de wir leben möchten, einem sicheren Raum. Und wenn die Älteren über etwas abstimmen und wir nicht daran ändern können, was sollen wir damit? Wir wollen in der Lage sein auszuwählen, wie unsere Zukunft aussieht.

Teilnehmerin unter der Kuppel

European Public Sphere

Als wäre dem nicht genug, wurde der Ort, derselbe Gutshof, mittlerweile verfallen und heruntergekommen, 1989, kurz nach dem Fall der Mauer, Schauplatz der deutsch-polnischen Versöhnungsmesse mit Premierminister Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl. Wer hat nicht das berühmte Bild ihrer Umarmung im Kopf?

 Und auch heute ist Krzyżowa ein Ort der deutsch-polnischen Versöhnung, des Austausches und der europäischen Geschichte. Nebst mehr als einer Millionen Touristen pro Jahr, beherbergt der Gutshof heute regelmäßig Jugendgruppen beider Länder und führt Workshops für Multiplikator*innen durch.

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Natürlich durfte die European Public Sphere auf ihrer Polen-Tour hier nicht fehlen! Glücklicherweise sahen es die Mitarbeitenden der Stiftung Krzyżowa genauso und machten uns im Handumdrehen Teil zweier Klassenfahrten. Die erste war eine 9. Klasse der Heinrich-Böll-Schule Rodgau, einer Gesamtschule aus Hessen, die zweite ein gemeinsamer Schüleraustausch einer polnischen und einer deutschen Schule aus Zabrze (PL) und Wassenberg (DE).

 Spät am Dienstagabend auf dem Gutshof eingefahren, ging es mittwochnachmittags spannend los. Zuvor hatten wir den Aufbau auf der Wiese im Zentrum des Geländes erstmals  zu zweit gemeistert – zählt man nicht den wachsamen Kater mit, der von Anfang bis Ende dabei blieb.Gerne wollten wir an diesem geschichtsträchtigen Ort über Widerstand und Engagement reden. Noch etwas müde vom Ausflug nach Auschwitz am Vortag, kamen unsere Gesprächsteilnehmenden der 9. Klasse, zunächst zwar etwas schwerer in Fahrt. Wahrscheinlich war auch das Wetter mit seinen 25 Grad und strahlendem Sonnenschein nicht ganz unschuldig hieran. Aber das Eis war schnell gebrochen. 

Einige der jungen Leute erzählten von ihrem ehrenamtlichen Engagement, von den Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Schule und den Gefahren eines wachsenden Rechtsdrucks. Die meisten hatten natürlich noch die schockierenden Bilder von Ausschwitz im Kopf. Alle waren sich einig, dass so etwas nie wieder vorkommen dürfe und man sich auch selbst dafür einsetzen müsse.

Hellwach wurden dann alle bei der Frage nach einem Wunsch an die EU. Der Konsens: Mitbestimmung und die Möglichkeit selbständig Verantwortung zu übernehmen!

Ähnlich verhielt es sich am nächsten Tag mit unserer zweiten, polnisch-deutschen Gruppe, dem Schüleraustausch Zabrze – Wassenberg mit Teilnehmenden zwischen 12 und 15 Jahren. Ignoranz der bestehenden Elite, Bevormundung, Herabsetzung, alles Bestandteile des Lebens junger Menschen. Auch hier standen vor allem auf deutscher Seite die Themen Klimaschutz und Artikel 13 auf der Agenda. Zum Thema Uploadfilter entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Es stellte sich heraus, diese Themen, selbst Fridays For Future, sind kaum Teil der öffentlichen Debatte in Polen.

Unser erster Dome-Talk in Krzyżowa

Unser zweiter Dome-Talk in Krzyżowa

Die polnischen Schüler*innen erklärten währenddessen die Probleme der Bildungsreform in Polen und den Mangel an Schulplätzen in Städten. Es stellte sich heraus, alle Teilnehmenden konnten in ihren Schulen erste Erfahrungen mit demokratischen Verfahren über das Klassen-, Schul- und Schüler*innenvertretungssystem sammeln. Aber eben nur in der Schule.

Insgesamt war unser Stopp in Krzyżowa ein sehr schöner. Das Feedback der Teilnehmenden war sehr positiv, sie hatten das freie Gespräch, den Austausch unter der Kuppel scheinbar sehr genossen. Eine der aktiveren Teilnehmerinnen sagte uns noch, dass sie sich dank der Diskussion gefragt hätte, ob wir sie sich nicht doch fit genug für ein Praktikum im Bereich EU-Politik wäre. Wir drücken die Daumen und freuen uns, einen Beitrag geleistet zu haben. 

Der Stopp in Krzyżowa zeigte zudem, es ist Zeit für einen Appell. Denn die Situation der Jugend ist eine vertrackte. Auch bei späteren Gesprächen stellte sich immer wieder heraus, viele der jungen Menschen sind verärgert. Sie brächten Ideen und Visionen mit, würden aber außen vorgelassen und hätten unter 18 keine Möglichkeit sich auf offiziellem Wege politisch einzubringen. 

Gleichzeitig nähme die Erwachsenen- bzw. politische Welt sie und ihren Aktivismus nicht ernst. Dabei liegt ihnen viel am Herzen: Klimaschutz, Artikel 13, eine gerechtere, von Rassismus freie Welt, auch über die Schule hinaus. Sie gingen auf die Straße und würden dafür noch belächelt, würden beschuldigt die Schule schwänzen zu wollen oder sogar für ihren Einsatz bezahlt zu werden. Kein Wunder also, dass der Politikfrust schon früh anfängt. 

 

Letztlich ist es noch Zeit unserer Bewunderung Ausdruck zu verleihen. Unser zweites Gespräch fand fast ausschließlich auf Englisch statt. Vor allem die polnische Seite hatte es hier schwer, denn bei Deutsch konnte das European Public Sphere-Team noch mit einer schnellen Übersetzung einspringen. Hut ab!

 

 

 

Die Einfahrt in das Dorf Krzyżowa

Einige Eindrücke unserer Dome-Events: