Europa im Grenzmuseum Schifflersgrund

von | 14. Juli 2021

Grenzmuseum Schifflersgrund |Auf einer langen und sich windenden Straße durch die schöne Landschaft nahe der exakten geografischen Mitte Deutschlands kamen wir mit unserer Kuppel am Grenzmuseum Schifflersgrund an. Es heißt Grenzmuseum, weil es genau an der Stelle liegt, wo früher die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik verlief. Das Museum ist leicht an dem ehemaligen Wachturm zu erkennen, der über den natürlichen Graben ragt, der den Schifflersgrund markiert. Kim Graves berichtet vom ersten Stopp unserer Remember-Tour.

Wir waren aufgeregt anzukommen und unsere Kontaktperson Anne Vaupel-Meier zu treffen. Wir parkten unseren Van und nahmen die bezaubernde und zugleich bedrückende Atmosphäre in uns auf. Bezaubernd wegen der endlosen Hügel und Wälder, die uns umgaben, und bedrückend wegen des dunklen Wetters und des Wachturms, den sichtbaren Resten des Grenzzauns und dem Wissen, dass sich genau hier ein Stück dunkler deutscher Geschichte abgespielt hat. Anne gab uns eine kurze Führung durch die Anlage und zeigte uns den vorgesehenen Platz für die Kuppel.

Wir verloren keine Zeit und begannen mit dem Bau der Kuppel. Nachdem wir die Kuppel einige Wochen zuvor testweise gebaut hatten, bauten wir sie in Rekordzeit auf, gerade noch rechtzeitig, bevor es zu regnen begann. Zusammen mit der Hilfe des Museumspersonals hievten wir die Regenhülle über die Kuppel und banden sie an den Pfosten fest, damit der starke Wind sie nicht wegwehen konnte. Nachdem wir die Details für unsere erste Kuppel-Diskussion am nächsten Tag geklärt hatten, fuhren wir runter in unser Hotel in Bad Sooden Allendorf und fielen nach einem langen Bau- und Reisetag ins Bett.

Unser zweiter Dome-Talk im Grenzmuseum Schifflersgrund

Das Thema Freiheit – ein ganz zentrales an der ehemaligen innerdeutschen Grenze

Demokratische Prozesse und Strukturen müssen nicht vermittelt und erklärt werden, sondern erlebt und erfahren werden. Wir müssen das politische Engagement der jungen Leute fördern und nicht verhindern.

Anne Vaupel-Meier

Leiterin Bildung und Vermittlung im Grenzmuseum Schifflersgrund

Früh am nächsten Tag packten wir unsere Taschen und machten uns auf den Weg zurück zum Museum. Leider hatte die Wettervorhersage recht und es würde den ganzen Tag regnen und kalt sein. Anstatt für die Dauer des Diskussion in der Kälte und Nässe zu sitzen, beschlossen wir, die Kuppel auszulassen und unsere Diskussion in einer Ausstellungshalle abzuhalten. Wir sorgten für Corona-Tests, genügend Abstand zwischen den Teilnehmern und da alle eine Maske trugen, bestand für niemanden die Gefahr, sich irgendwelche Krankheiten einzufangen.

Unsere Teilnehmer waren lokale Demokratie Aktivisten und Schulsozialarbeiter, aber auch Mitarbeiter außerschulischer Lernorte wie dem Grenzmuseum selbst. Im Vorfeld unserer Gesprächsrunde wurde uns gesagt, dass es kaum Verbindungen zwischen den Organisationen und Institutionen gäbe, so dass wir hofften, mit unserer Einladung ein engeres Netzwerk zu starten. Zudem waren Vertreter einer lokalen Stiftung und Mitglieder von Jugendeinrichtungen und Hilfsorganisationen für Asylbewerber anwesend. Ohne große Moderation entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über den aktuellen Stand der Demokratie in der Region, Möglichkeiten der Jugendbeteiligung und institutionelle finanzielle Rahmenbedingungen, die Demokratie-Arbeit ermöglichen. 

Bei vielen Themen herrschte Einigkeit, bei anderen Themen aber auch respektvoller und konstruktiver Dissens. Wir sammelten die Wünsche für die Region und formulierten die Forderungen, die wir in der zweiten Gesprächsrunde mit den Lokalpolitikern vorbringen würden. Am Ende waren alle froh, sich wieder zu treffen und äußerten ihre Erwartungen an die zweite Runde zwei Tage später.

Nachdem die Teilnehmenden gegangen waren, räumten wir den Raum auf und sammelten die Wünsche und Forderungen der Teilnehmenden. Wir als Organisatoren ließen die Diskussion Revue passieren und kamen zu demselben Schluss wie die Teilnehmenden: Das war eine tolle Diskussion und der Samen für weitere enge Kontakte zwischen den Aktivist*innen wurde gesät.

Am Freitag sah das Wetter immer noch nicht besser aus, aber trotzdem war unsere Stimmung vom Erfolg des letzten Tages noch gut. Zurück im Museum teilten wir uns in zwei Teams auf, Edda, unsere Kamerafrau, würde Zeitzeugen interviewen, die die innerdeutsche Grenze selbst erlebt haben und der Rest würde mit Anne das Kuppelgespräch des nächsten Tages planen. Ein Teil des Gesprächs würde ein roter Faden sein, den wir um unsere Kuppel und um die benachbarten Bäume spannen würden. Dies ist der buchstäbliche und metaphorische rote Faden, der die zentralen Ideen sammelt, die den „Sommer der Demokratie“ im Grenzmuseum begleiten werden. Jede Woche wird eine neue Frage an den Faden geheftet, die die Besucher*innen des Museums beantworten und ebenfalls an den Faden heften können. Die erste Frage war „Was verbinden Sie mit Europa?“. Zusätzlich haben wir die in der ersten Diskussion gesammelten Wünsche und Forderungen für alle sichtbar an den Faden geheftet.

Später schlossen wir uns Edda bei den Interviews an und sprachen mit einigen Leuten, die das Leben in einem deutschen Dorf direkt an der Grenze erlebt hatten. Meistens kamen sie aus Dörfern auf der DDR-Seite und erzählten uns von den strengen Regeln, die sie befolgen mussten. Sie durften das nur wenige Kilometer entfernte Nachbardorf nicht besuchen. Sie mussten immer einen Ausweis bei sich tragen und wurden ohne zu zögern verhaftet und auf die Wache gebracht, wenn sie keinen Ausweis vorzeigen konnten.

Ein Mann erzählte uns von einem Bekannten, der eines Tages in einer Kneipe saß, sich betrank und mit den Worten „Ich hau ab“ ging. Das wurde den Beamten gemeldet, die sofort den Verdacht hatten, dass er versuchen würden nach Westdeutschland zu fliehen. Er wurde ins Gefängnis gesteckt und nach seiner Entlassung durfte er nie wieder in seinem Heimatdorf, das direkt an der Grenze lag. Als wir diese Berichte hörten, waren wir alle sprachlos. Fast alle von uns, die zuhörten, sind nach der deutschen Wiedervereinigung geboren und können sich nur schwer vorstellen, wie es war, in einem totalitären Staat zu leben, in dem man für eine unbedachte Bemerkung, die man betrunken in einer Bar machte, ins Gefängnis kam.

Gedankenverloren kehrten wir in unser Hotel zurück. Am Abend interviewte Edda Anne, vom Museum und unsere Anne, von DI im Museum über die Projekte und Ideen unserer Tour.

Am Samstag machten wir uns ein letztes Mal auf den Weg zum Museum und bereiteten die zweite Diskussionsrunde vor. Zum Glück klarte der Himmel endlich auf und wir bauten den Sitzkreis vor unserer Kuppel auf. Es waren zu viele Leute, um in die Kuppel zu passen, aber das berühmte Kuppel-Feeling wurde durch die Kuppel im Hintergrund aufrechterhalten.

Wir begrüßten viele Teilnehmende aus unserer ersten Runde, einige Zeitzeug*innen, Museumsmitarbeitende und Politiker*innen aus dem hessischen und thüringischen Landtag, ein Mitglied des Bundestages und sogar ein Mitglied des Europaparlaments. 

Aktive unter sich am 1.7. in der Austellungshalle des Grenzmuseums. Trotz schlechten Wetters waren immerhin einige Teile der Kuppel dabei

Unser zweiter Dome-Talk im Grenzmuseum Schifflersgrund

Um das Eis zu brechen, stellte Anne (vom Museum) alle vor und wir baten alle, ein oder zwei Forderungen oder Wünsche aus der ersten Runde zu sammeln, die wir vorher an den roten Faden geheftet hatten. Zusätzlich hatten wir Antworten auf die Wochenfrage des Sommers der Demokratie und Zitate aus der ersten Runde am Faden aufgehängt.

Das Gespräch wurde von einem Zeitzeugen (den wir am Vortag interviewt hatten) eingeleitet, der das Wort „Freiheit“ vom roten Faden genommen hatte. Durch seine Schilderungen über das Fehlen von Freiheit und Demokratie in Ostdeutschland hielten sich alle die Herausforderungen und Errungenschaften der letzten Jahrzehnte vor Augen, während wir über die Probleme von heute diskutierten. Erneut diskutierten wir über Meinungsfreiheit und Bürger*innen- und Jugendbeteiligung. Diesmal formulierten wir konkrete, realistische Wege zur Verbesserung des Ist-Zustandes. Die Zeit verging wie im Fluge und plötzlich mussten wir zu einem Ende kommen. Nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung blieben viele Teilnehmende zurück und unterhielten sich weiter miteinander, während im Hintergrund unser Team alles einsammelte und in den Transporter packte.

Die Kuppel wird bis September, wenn der Sommer der Demokratie endet, im Grenzmuseum stehen bleiben. Mit gemischten Gefühlen verließen wir das Museum, einerseits erfreut über den energetischen und konstruktiven Raum, den wir geholfen hatten, im Museum zu schaffen, und andererseits müde und glücklich, dass unsere erste Station der Remember-Tour so ein Erfolg war!

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Einige Fotoeindrücke von unserem Dome-Event: