Krakau – It’s getting hot in here

von | 13. Juni 2019

Krakau | Krakau, am 12. Juni, war der letzte Stopp unserer Polen Tour. Am Tag vorher machten wir uns aus dem hohen Norden Nähe Gdansk auf den Weg zurück gen Süden. Immer wieder hatten wir im Vorbeigehen eines aufgeschnappt: Es sollte der heißeste, jemals so früh im Jahr gemessene Tag in Danzig werden und auch Krakau erflimmerte seit einer Woche unter über 30 Grad Hitze und strahlend blauem Himmel. Und das ist es auch, was uns nebst inspirierender und mutiger Gespräche im Gedächtnis geblieben ist: Die Hitze!

Euphorisch von unserer tollen Zeit beim Baltic Youth Camp in Danzig begann unsere Reise früh am Pfingstdienstag. Nach ca. 8 Stunden hatten wir die fast 600 Km in der prasselnden Sonne nach Krakau ohne Klimaanlage gemeistert –  beide eher durchgegart als medium, aber gemeistert.

Und die Aussicht war eine tolle Entlohnung für den mangelnden Flüssigkeitshaushalt. Im Norden das Meer, danach die Straße gesäumt von Birkenwäldern, die im Vorbeifahren stark an südfranzösische Pinienwälder erinnerten. Weite Felder und Hügel im Süden, vorbei an Warschau, Łódź und Kattowitz mit ihren prachtvollen Bauten.

 

 

Der Dome in der prallen Hitze vor dem Institut für Europastudien

„Die Europäische Union hat die Schaffung eines europäischen Geistes und einer gemeinsamen Kultur verpasst. Wir brauchen einen neuen öffentlichen Diskurs und einheitliche Lösungen für aktuelle Herausforderungen.“

Teilnehmer unter der Kuppel

European Public Sphere

Und auch Krakau kann sich mehr als sehen lassen, verdiente wahrlich den Titel Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2000. Das alte Zentrum umsäumt von Stadtmauer und Park, in dem selbst noch spätabends Touristen aus aller Welt und Einheimische herum flanieren.

Mittendrin der alte Marktplatz mit dem ältesten „Shoppingzentrum“ der Welt, dem Sukiennice. Ca. 20 Minuten Fußweg davon entfernt, stets umgeben von wunderschönen Altbauten, das jüdische Viertel Kazimierz, heutiges Kunst- und Kulturzentrum der Stadt. Natürlich gibt es noch weitaus mehr zu sehen, aber auf Kuppeltour ist die Sightseeing-Zeit auf kurze Abendausflüge begrenzt.

Ein weiteres Kulturhighlight: Die ehemalige Hauptstadt des Königreichs Polen (bis 1596) beherbergt eine der ältesten Universitäten unseres Kontinents. Gegründet am 12. Mai 1364 vom polnischen König Kasimir dem Großen, ist die Jagiellonische Universität heute die älteste Hochschule Polens und eine der ältesten in Europa. Und sie war und bleibt eine internationale Institution: Polen, Rumänen, Litauer, Ungarn, Deutsche, Tschechen, Schweizer, Engländer, Niederländer, Franzosen, Spanier, Italiener und sogar Tataren haben dort bereits ihre Diplome erworben und scheiterten an unmenschlichen Examen.

Natürlich durfte die European Public Sphere hier nicht fehlen und so hatten die mehr als 41.000 Studierenden aus 94 Studiengängen im Juni diesen Jahres die Möglichkeit, den Europe-Dome kennen zu lernen und umgekehrt. Auf Vorschlag unseres Kontaktes vor Ort wollten wir über die Themen Rechtstaatlichkeit in Polen und die europäischen Wahlen sprechen. Und welcher Ort könnte hierfür besser sein, als das Institut für Europastudien, welches auch das Zentrum für Holocauststudien beherbergt?

Pünktlich um 9 Uhr morgens rollten wir daher auf dem Campus der Fakultät ein. Und die Sonne brannte bereits am Himmel. Tapfer begannen wir den Aufbau. Ausgerüstet mit um den Kopf gewickelten T-shirts und jeder Menge Sonnencreme machten wir uns an die Arbeit. Nach kurzer Zeit stieß unsere Helferin Camille, Doktorantin zum Thema „Wahrnehmungen der EU in der Bevölkerung“, mit zwei Freund*innen dazu. Bald, gegen 10 Uhr, hatten wir die 30 Grad Grenze geknackt und konnten nur noch im Schneckentempo schrauben.

Kreatives Schattensuchen in der Mittagssonne 
Zwar war die Konstruktion noch vor dem geplanten Beginn des ersten Talks um 12.30 Uhr abgeschlossen, aber die Idee, sich gemütlich in die pralle Mittagshitze zu setzen und über komplexe Inhalte zu diskutieren erschien uns…schwierig – und scheinbar auch allen anderen Studierenden, die wir vor Ort antrafen und die nochmal ungläubig nachfragten, ob wir das wirklich ernst meinten.

Nach einer kurzen Pause im Schatten hieß es also improvisieren. Glücklicherweise hatten wir für die Indoor-Events der BeNeLux-Tour einige Rollen Malervlies als Unterlage gekauft. Und glücklicherweise hatten wir diese wieder eingepackt. Mehr schlecht als recht schafften wir es schließlich, die Bahnen in die Kuppel zu hängen. Sie wirkte so sicher noch um einiges künstlerischer und wir hatten immerhin bis zur Bauchhöhe ca. 1m2 Schatten.

Um es kurz zu machen: Ganz Krakau blieb bis 16 Uhr nachmittags in seiner Siesta und wir taten es ihnen daher gleich. Auch die wenigen Raucher*innen, die sich vor die Tür trauten und die, die zufrieden ihren Examen entflohen, wagten nicht den Schritt unter die Kuppel.

Erst nach dem Ende der Mittagshitze war es schließlich so weit: Unser erster Gast, ein Student aus Polen betrat die Kuppel und wollte gerne auf Polnisch ein Statement zu den Wahlen zum Europäischen Parlament in Polen und Rechtstaatlichkeit abgeben.

Während er sprach traute sich eine weitere Teilnehmerin dazu, sodass die Unterhaltung schnell ins Englische wechselte. Kurze Zeit später entschieden 4 weitere Studenten im 2. Masterjahr von European Studies spontan, dass es ja eigentlich ihre Pflicht wäre mitzumachen und einen Beitrag zu leisten. Wir sahen das ähnlich und erfreuten uns der plötzlichen Beliebtheit.

Insgesamt trotzten 6 Studierende aus 4 Ländern (Polen, Deutschland, Italien und Malta) der knallenden Hitze und tauschten sich über eine Stunde lang intensiv aus.

Ohne dass meine Moderation in dem flüssigen Gespräch wirklich von Nöten gewesen wäre, wanderte die Unterhaltung von der Nationalisierung der Wahlen, der politischen Situation Polens über die Instrumentalisierung der Europäischen Union als Geldmittelgeber zu der generellen Rolle, die die EU spielen sollte.

Was kann und darf man von der Europäischen Union erwarten? Wie supranational sollte sie gestaltet sein? Wie geht man um mit westlicher Dominanz und einer generellen Ignoranz diesbezüglich? Gibt es eine Spaltung zwischen Ost und West und warum gibt es bisher keine Lösung?

Wie lebt es sich als Pole in Polen? Wie als Neuzugezogene? Auf was für einer Basis möchten wir agieren, der rechtlich durch Verträge gesicherten oder einer ideellen, basierend auf den ausgerufenen Werten der EU?

Trotz des sicheren Sonnenstichs und eines an Personen überschaubaren Dome-Talks hatten wir während des Abbaus und auf der Fahrt nach Berlin am nächsten Tag viel zum Nachdenken und Besprechen. Für den Ideenkatalog, mit dem wir Ende des Jahres den Input der Bürger*innen an das Europäische Parlament überreichen werden, war das Gespräch sicher eine Bereicherung.

Und wir hatten es geschafft ein buntes großes Tuch für den Halt in Berlin 2 Tage später zu organisieren. Denn auch hier waren 34 Grad und wolkenloser Himmel angesagt.

 

Unser Dome-Talk in Krakau
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Einige Eindrücke unseres Dome-Events: