Texel – Lasst das Feuer der Demokratie wieder erleuchten!

von | 11. April 2019

Den Burg, Texel| Mein Name ist David Reich. Als Praktikant war ich teil der BeNeLux-Tour in Belgien und den Niederlanden im April diesen Jahres. Das erste Ziel in den Niederlanden für mich persönlich (die anderen hatten bereits einen Zwischenstopp in Maastricht) war das schöne Texel, eine kleine Insel im hohen Norden bei Alkmaar. Leider war es kalt und windig, dafür hatten wir viele interessante Personen und Charaktere unter der Kuppel, unter anderem einen lokalen (pensionierten) Fischer. Er berichtete ausgiebig über seine Erfahrungen mit dem EU-Parlament – mehr zu seiner Ansicht später im Text.
Ich kam spät am Abend mit dem letzten Boot an, das ich wegen des Verkehrs fast verpasst hätte – zum Glück schaffte ich es aber und war am nächsten Tag bereit für das Gespräch. Der Tag begann kalt und bewölkt, aber stundenweise wurde das Wetter freundlicher und wir sahen die Sonne durch die Wolken scheinen. Eine Stunde vor Beginn des Gesprächs beschlossen wir, in die Dünen zu gehen, um in die Stimmung der Insel zu kommen und Sonnenstrahlen und frische Seeluft aufzunehmen – eine angenehme Art, den Tag zu beginnen!

 

Im ersten Gespräch ging es um Plastikabfälle (Plastic Wastic, lustige Wortschöpfung von Anne). Der Fokus lag dabei auf dem exorbitanten Gebrauch von Plastik und den damit verbundenen Problemen – verschmutzte Strände, Mikrokunststoffe im Meer und in unserer Nahrung. Da ich hauptsächlich mit Filmen und Fotografieren beschäftigt war, hörte ich nicht viel von dem Gespräch. Wir hatten jedoch 6 interessierte Teilnehmer*innen, darunter zwei Studierende und zwei Einheimische, die über ihre Erfahrungen mit Kunststoff sprachen. Vor allem die beiden Einheimischen erzählten an dieser Stelle von ihren Erfahrungen in Texel: ein großes Problem scheint der Müll am Strand zu sein, den die Tourist*innen nicht mitnehmen, sondern am Strand und in den Dünen liegen lassen würden.

Lebhafte Diskussionen unter der Kuppel in Brüssel
„Es gibt viele Dinge, die ich nicht verstehe, besonders die Dinge, die in Brüssel passieren. Ich war Fischer und wir sind weit entfernt von dem, was auf dem Festland passiert. Die Politik muss greifbarer und bürgernäher werden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich nichts tun kann und nicht wirklich verstehe was vor sich geht – etwas mehr Transparenz könnte eine Lösung sein.“ Teilnehmer unter der Kuppel

European Public Sphere

Es scheint jedoch, dass sich die Insel und ihre Bewohner*innen ihrer Situation bewusst sind und somit entsprechend dieser handeln. Das wiederum bedeutet, dass die Gefahr besteht, in der eigenen Blase zu leben. Dieses Problem erwähnte eine der Personen. Dies ist insofern relevant, da der Blick in andere Umfelder auf einer Insel ziemlich schwierig ist, da sie isoliert und weit weg von anderen Gemeinschaften sind. Dasselbe gilt für die Menschen, die in Städten leben und ihre eigenen Auswirkungen auf die Umwelt nicht direkt erkennen (hoher Konsum führt zu höherer Verschwendung und damit zu einem Abfallproblem, das nicht direkt sichtbar ist). Auch die jüngeren Teilnehmer*innen erwähnten, dass wir entsprechend handeln müssen und nicht nur unser Schicksal akzeptieren sollten.

 

Nach dem ersten Gespräch hatte ich dann Zeit, das Festivalgelände zu erkunden. Ich sah eine Visualisierung von Texel durch VR-Brillen, Fischer, die über ihre Erfahrungen auf hoher See sprachen und viele andere Stände im Zusammenhang mit den bevorstehenden Europawahlen (EU-Radio, European Citizens Network usw.). Es war im Grunde genommen ein Festival, das die Absicht hatte, zum Handeln aufzurufen – im Zusammenhang mit den Wahlen, aber auch mit anderen politischen Themen. Eine meiner Lieblingsaktivitäten war eine Diskussion über die Situation der Arbeitnehmer*innen in Europa und darüber, wie sie sich in einem breiteren Netzwerk verschiedener europäischer Gewerkschaften (organisiert vom Europäischen Gewerkschaftsbund) solidarisieren und zusammenarbeiten können.

Der zweite Talk begann gleich danach und diesmal war ich mittendrin – zusammen mit Mirte, meiner niederländischen Kollegin, moderierte und diskutierte ich mit acht Diskussionsteilnehmer*innen aus Ungarn, Litauen, den Niederlanden, China und Deutschland. Entsprechend der anstehenden Europawahlen drehte es sich nun um die „Erwartungen an das neue EP“ in der kommenden Legislaturperiode. Dabei begannen wir mit den Pflichten von Bürger*innen. Die meisten waren sich einig, dass diese mit dem Wählen anfängt. Andere wiederum sagten, dass das Wählen rein reaktionär ist und wir politisch handeln müssen, auch, da unsere Stimmen nicht mehr repräsentativ sind. Der Fischer war besorgt, dass die politische Sphäre ein ziemlich komplexer und schwieriger Bereich ist, der von Politiker*innen bewohnt wird, die keine Verbindung zu den Menschen und ihren Anliegen haben. Sein Vorschlag war es deshalb, Expert*innen in das Parlament zu entsenden, wie zum Beispiel lokale Fischer*innen, die ihre Fachkenntnisse kommunizieren und so wertvolle Instrumente und Strategien zur Bewältigung komplexer Probleme entwickeln könnten.
Video unserer 5 Stopps in den Niederlanden
Die dänische Komissarin Margrethe Vestager besuchte uns auch unter der Kuppel
Darüber hinaus sagte ein ungarischer Kollege aus einer zivilgesellschaftlichen Organisation, dass wir die vorhandenen Instrumente effizienter und bewusster nutzen müssen (europäisches Petitionssystem, ECI-System etc.). Dies wiederum bedeutet, dass wir uns als Zivilgesellschaft über unsere Handlungsmöglichkeiten und unsere Verantwortung im Klaren sein müssen. Die Politiker*innen, die manchmal zu weit von den wirklichen Problemen entfernt sind, wie ein Diskussionsteilnehmer sagte sind damit jedoch nicht aus der Verantwortung genommen. Alle waren sich einig, dass wir Instrumente brauchen, welche die Transparenz und Beteiligung der Bürger*innen stärken könnten – das Parlament muss sich dabei seiner Verantwortung gegenüber der europäischen Zivilgesellschaft bewusst sein, das heißt, es muss eine Öffentlichkeit schaffen, in der alle Ideen und Meinungen Platz finden können.

 

Alles in allem war es ein interessanter Tag mit vielen verschiedenen Ideen und Meinungen, eine kreierte Öffentlichkeit, die genau das widerspiegelt, was wir uns von einer europäischen Öffentlichkeit wünschen. Mit diesem Optimismus geht man gerne in die kommenden Wahlen, mit der Hoffnung, dass wir ein repräsentatives, integratives und vielfältiges Parlament haben werden, das alle Menschen gleich behandelt und alle Menschen berücksichtigt. Darüber hinaus sollten Reformen der Bürgerinitiativen und Instrumente der direkten Demokratie (wie das Petitionssystem) angestrebt werden, um der Zivilgesellschaft wieder Gehör zu verschaffen. Ich freue mich, dass wir an diesem Festival teilgenommen haben und dass wir Menschen motivieren konnten, sich stärker in das politische Geschehen in Brüssel einzubringen. Wie bereits hier und in vielen anderen Gesprächen erwähnt, brauchen wir eine Regierung für, mit und von den Menschen, um die Herausforderungen, vor denen wir derzeit stehen, gemeinsam anzugehen. Darüber hinaus sollte ein besseres, empathisches, solidarisches und transnationales Europa die Antwort auf Hass und Rassismus sein. Desintegration und Angststreuung werden nämlich niemals die richtige Antwort sein.

Diesen Beitrag teilen:

0 Shares
  • Facebook
  • Twitter
  • Google+
Video unserer 2 Stopps in Luxemburg
Einige Eindrücke unseres Dome-Events: