Europe Jam zu Gender in Europa

von | 18. Dezember 2020

Europa| Im letzten Europe Jam des Jahres 2020 begrüßten wir Gäste, die in und über die EU hinaus mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit arbeiten. Wir starteten gemeinsam in die Vorstellungsrunde, in der zu folgenden Fragen Bezug genommen wurde: Was sind die größten Probleme im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit in der EU? Und was sind deine Vorschläge zur Lösung dieser Probleme?

Zur Frage nach den größten Problemen bei Geschlechtergerechtigkeit in der EU waren sich die Teilnehmer*innen einig, dass die bestehende Ungerechtigkeit einen historischen und kulturell bedingten Hintergrund habe. Historisch sei es schon immer so gewesen, dass fast ausschließlich weiße Cis-Männer die Machtakteure der Europäischen Staaten waren. Noch heute sei in vielen Kulturen Europas das Gedankengut eines devoten Frauenbildes fest verankert.
     
Neben der historisch kulturell gewachsenen, binären Geschlechterverortung tragen folgende Probleme für die bestehende Ungleichheit bei: Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper und Gewalt gegen Frauen wurde von vielen Teilnehmer*innen als primäres Problem gesehen. Die EU würde zu wenig Präventionsarbeit in diesem Bereich leisten, sodass Frauen- und Menschenrechtsorganisation oft die Arbeit der Staaten übernähmen. 

Eine weitere Schranke zur Geschlechtergerechtigkeit sahen die Teilnehmer*innen im „gate-keeping“ von Positionen in Entscheidungsräumen gegenüber Frauen. Dies gelte aber nicht nur für Positionen in der Politik, sondern in allen Entscheidungsräumen der Gesellschaft. 

Manon Deshayes von der European Women’s Lobby schilderte ihre Sicht wie folgt:

Es gibt zwei Hauptprobleme in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter in Europa – Erstens die Gewalt gegen Mädchen und Frauen, einschließlich häuslicher Gewalt, insbesondere während der COVID-19 Pandemie, und zweitens die mangelnde Beteiligung und Repräsentation von Frauen in Entscheidungsräumen – vor allem in der Politik, aber auch in allen anderen Bereichen, in denen Entscheidungen getroffen werden.

Manon Deshayes

Teilnehmende European Public Sphere

Unser Europe Jam zu Gender in Europa vom 15.12.2020

Des Weiteren diskutierten die Teilnehmer*innen über das Fehlen einer umfassenden Sexualaufklärung in Schulen aber auch in der Erwachsenenbildung. Geschlechtergetrennter Sexualkundeunterricht ohne jeglichen Bezug zur Geschlechterlehre sei die Ursache für die binäre Geschlechterverortung die immer noch in der Gesellschaft herrsche und die Marginalisierung von Frauen und Mitgliedern der LGBTQI+ Gemeinschaft hervorrufe.  

Einen praktischen Einblick lieferte Astrid Linder vom Swedish National Road and Transport Research Institute, die seit über einer Dekade an der Einführung von weiblichen Autotest-Dummies arbeitet. Für sie steht fest, dass der weibliche Teil der Bevölkerung nicht gleichwertig repräsentiert werde und als Resultat auch weniger Beachtung in der Gesellschaft finden würde – und eben weniger Sicherheit hinterm Steuer. 

Vertreter*innen der Organisation ReOrient gaben der Diskussion eine neue Richtung, indem sie von außer EU staatlichen Perspektiven berichteten. In der kaukasischen Region, der Region Kurdistan und in Nordafrika seien die Rechte von Frauen, insbesondere muslimischen Frauen, stark bedroht oder gar nicht vorhanden.

Sie wiesen darauf hin, dass ein weibliches Vorbild, insbesondere eine Mutter, großen Einfluss auf die gesamte Familie habe und deshalb ebenfalls für Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert werden müsse. Basak Kisakurek Ibsen vom Baltic Gender Project bestätigte ebenfalls, dass in der Forschung die Funktion eines weiblichen Vorbildes positiven Einfluss auf angehende Wissenschaftler*innen habe.

Nachdem ausgiebig über die Ursaschen und Probleme von Geschlechterungerechtigkeit diskutiert wurde, wurden verschiedene Lösungsansätze formuliert. Dabei stach besonders das Thema Bildung im Sinne einer umfassenden Sexualaufklärung hervor, die die Grundlage für ein besseres Verständnis von Geschlecht und Menschenrechten sowie Gleichstellungsfragen gewährleisten solle, um für positive Ansätze in der Identitätspolitik und Bekämpfung systemischer Ungleichheiten in Europa zu sorgen.

Die Einführung einer Geschlechterquote in Führungspositionen wurde von allen Anwesenden begrüßt, sie sei jedoch nicht die ultimative Lösung, sondern stelle viel eher ein Mittel für den nächsten Schritt in eine gleichberechtigte Zukunft dar.

Jam Rätsel

Ein Vater und sein Sohn haben einen furchtbaren Autounfall, bei dem der Vater ums Leben kommt. Der Sohn wird ins Krankenhaus gebracht – gerade als er operiert werden soll, sagt der Chirurg: „Ich kann nicht operieren – der Junge ist mein Sohn!“  

Erklären Sie in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie stehen.

Des Weiteren müsse die Solidarität unter Frauen und der LGBTQI+ -Gemeinschaft stärker und die Aneignung einer Opferrolle abgelegt werden. Stattdessen müsse man sich gemeinsam Einfluss und Gleichberechtigung erarbeiten und dabei einen besonderen Fokus auf die Jugend legen. Diese werde zu oft als Problem dargestellt und nicht als Schlüssel zur Entwicklung einer gleichberechtigten Zukunft.

Die Teilnehmer*innen beendeten die Debatte mit einem positiven Blick in die Zukunft, denn die Ansätze zur Durchsetzung der Geschlechtergerechtigkeit seien erarbeitet und müssen nun mit aller Kraft und Progressi vität auf staatlicher sowie auf EU-Ebene implementiert werden.

Gäste des Europe Jams zu Geschlechtergerechtigkeit in Europa

  • Manon Deshayes – European Women’s Lobby
  • Christian Mogensen – Center for Digital Pædagogik
  • Astrid Linder – Swedish National Road and Transport Research Institute (VTI)
  • Basak Kisakurek Ibsen – Scientific manager of Baltic Gender
  • Nyke Slawik – Trans rights & gender activist, Bündnis90/Die Grünen
  • Dyria Alloussi – ReOrient
  • Nesrin Othman – ReOrient
  • Carina Matvienko – ReOrient
  • Lynda Menoueri – ReOrient
  • Nikolina Blažanović – Young Feminist Europe
  • Sophie Beria – YouAct – European Youth Network on Sexual and Reproductive Rights

Vielen Dank an die Alfred Töpfer Stiftung F.V.S. für die Unterstützung dieses Projektes.

Einige Fotoeindrücke von unserem Event:

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