Antwerpen – Gebt den jungen Menschen eine Stimme und Bühne, wir brauchen sie mehr denn je

von | 29. Mai 2019

Antwerpen | Die nächste Station unserer BeNeLux-Tour war Antwerpen – eine schöne Hafenstadt in der flämischen Region. In Groenplaats im Herzen der Stadt organisierten wir zwei Gespräche über Bürgerbeteiligung und Klimawandel.

Der Aufbau verlief reibungslos und wir hatten das Glück, von David, einem demokratischen Aktivisten aus Belgien, und Guido, einem Freiwilligen aus Gent, unterstützt zu werden. Es war wirklich interessant sie kennenzulernen, da sie durch ihre unterschiedlichen Hintergründe viele interessante Geschichten zu erzählen hatten. Zum Beispiel hatte ich die Gelegenheit, mit Guido gründlicher zu sprechen und er berichtete mir, dass er eine historische Biographie über einen klassischen Musiker aus seiner Heimatstadt schreibt. Guido selbst ist ein leidenschaftlicher Musiker und Dirigent und er scheint die gleiche Begeisterung und das gleiche Gespür für direkte Demokratie zu haben.

Für mich persönlich war es spannend zu sehen, dass die Gespräche bereits beginnen, bevor die Kuppel überhaupt steht. Einige Leute waren nicht sehr daran interessiert, in die Kuppel zu gehen und gefilmt zu werden, aber sie waren dennoch daran interessiert, in eine Diskussion außerhalb der Kuppel einzutauchen. Auch in diesem Prozess lernt man viel über die Sichtweisen anderer Menschen. Im Allgemeinen hatte ich das Gefühl, dass die Menschen, die auf diesem schönen Platz spazieren gingen, wirklich begeistert waren. Vor allem die jungen Menschen, die vorbeikamen, nahmen an beiden Gesprächen teil und verstärkten so mein positives Gefühl.

Das Engagement war bereits im ersten Gespräch sichtbar. Im Schatten der schönen Kirche begannen wir etwas später als erwartet, da wir warten mussten, bis der Regen aufhörte. Zu Beginn meldete sich ein junger Student aus Antwerpen zu Wort, der von seinen Erfahrungen mit der EU erzählte. Das erste Thema betraf die Klimaschutzmaßnahmen, die auf EU-Ebene durchgeführt werden könnten. Wir haben zuerst über die offensichtliche Frage gesprochen; warum gibt es in dieser Hinsicht so wenig gemeinsame Aktionen, insbesondere von institutioneller Seite? Die Menschen waren sich einig, dass die Komplexitäten der Klimakrise schwer zu verallgemeinern und zu vereinfachen sind, aber sie sagten auch, dass einzelne Staaten nach Selbstinteresse streben und so manchmal falsche Entscheidungen treffen würden. Daraus ergab sich, dass allgemein anerkannt ist, dass wir einen gemeinsamen Rahmen brauchen, um das Klimaproblem anzugehen. Die EU-Institutionen müssten in dieser Hinsicht demokratischer sein, sagte ein älterer Mann. Er wünschte sich eine Art Solidarität, blieb aber dennoch realistisch und sagte, dass es ihn pessimistisch macht, die großen wirtschaftlichen Akteure und multinationalen Unternehmen zu beobachten. Bei ihnen sieht er die immer wiederkehrenden Handlungen und Fehler und den daraus resultierenden Stillstand.

Wie man diese Situation überwinden könne, war eine Frage unserer Moderatorin Mirte. Vielleicht durch mehr Gesetzgebung oder sogar durch einzelne eigene Maßnahmen, anstatt darauf zu warten, dass die Institutionen eine Einigung erzielen. Wir müssen von unseren persönlichen Standpunkten ausgehen und dann einen öffentlichen Raum schaffen, in dem wir interagieren und handeln können. Guido schloss sich dieser Überlegung ebenfalls an und gab eine kleine Lektion über direkte Demokratie. Eine weitere Frau, die eine Verbindungen zu der 68er Bewegung zu haben schien, sagte, dass uns die Hoffnung fehlt, die uns notwendige Veränderung bringen könnte. Außerdem beklagte sie sich über unsere Politiker*innen, denen die Verbindung zu den Bürger*innen, insbesondere auf europäischer Ebene, fehlen würde. Für viele Menschen sei Brüssel wie eine Black Box. Dennoch betonte sie, dass wir uns über dieses Konstrukt freuen sollten, wo wir beispielsweise Netzwerke aufbauen könnten – wir müssten es nur nutzen.

Interessanterweise hatte sie auch einige Lösungen parat – sie begann damit, dass die Menschen von ihrer Position aus anfangen müssen (obwohl das manchmal nicht genug ist, gab sie zu). Ihre eigene Lösung ist die Wiederverwendung von Wasser. Dafür hat sie zum Beispiel eine Waschmaschine gebaut, die ihr eigenes Wasser wiederverwendet, um Wasser zu sparen – eine tolle Idee!

Ich habe beide Vorträge gefilmt, damit ich auch die Reaktionen und Emotionen sehen konnte. Diese waren durchaus anders als erwartet. Die Leute hören sich gegenseitig zu und es war eine wirklich gute Atmosphäre. Die meisten schienen beim ersten Gespräch sogar auf einer Seite zu sein. Es gab nicht allzu viele widersprüchliche Ansichten und wir waren uns alle einig, dass wir als Zivilgesellschaft und partizipative Gesellschaft auftreten müssen. Gleichzeitig muss sich die EU aber wieder mit ebendieser Gesellschaft verbinden, nämlich eine Öffentlichkeit für alle Europäer*innen schaffen.

Video der 4 Stopps in Belgien

Bevor wir das Gespräch beendeten, hatten wir noch eine halbstündige Sitzung mit einer Gruppe junger Schüler*innen, die spontan am Gespräch teilnahmen. Es war eine Gruppe von 12 bis 14-Jährigen, die der Diskussion einige neue Ideen hinzufügen konnten. Zuerst schienen sie vor ihren Freund*innen anzugeben, schlussendlich trugen aber alle einige gute Argumente bei. Darunter die Vermeidung von Plastik, die Reduzierung des Gebrauchs von Autos und Flugzeugen und die allgemeine Zusammenarbeit, um gemeinsame Ziele zu erreichen, in diesem Fall die Bekämpfung der Klimakatastrophe. Darüber hinaus äußerten sie Kritik an den Institutionen, die manchmal dazu neigen würden, die Sorgen der Bürger*innen zu überhören. Daraus schlussfolgernd riefen die Jugendlichen zum Handeln auf, mitunter da sie selbst an den FFF-Protesten beteiligt sind. Schön, dass sich einige junge Menschen Gedanken über unsere Zukunft machen – wir als Organisatoren waren wirklich froh, dass so viele junge Menschen dabei waren. Eines meiner Highlights der gesamten Tour – hope is back!

Der zweite Vortrag drehte sich weiterhin über Klimaschutz. Diesmal hatten wir verschiedene Teilnehmer*innen. Ein Mann, der über Biotechnik sprach, und ein weiterer, dem die Unterstützung seiner Regierung fehlte – beide hatten einige kontroverse Ideen, die aber dennoch von Interesse und Bedeutung für die allgemeine Debatte waren. Wir müssen denen zuhören, denen sonst keine Beachtung geschenkt wird, auch wenn sie möglicherweise in ihrem eigenen Kopf gefangen sind und auf eigenen Ideen beharren. Durch Diskussion und Interaktion können wir vielleicht großartige Lösungen für komplexe Probleme finden. Ein Student machte diesen Punkt deutlich, indem er sagte, dass Demut und Mitgefühl in Zeiten von Uneinigkeit und Hass der Schlüssel sind. Seiner Meinung nach ist es ein guter Ansatz, kleine Gesten und Aktionen gegenüber den Menschen zu machen, die einem begegnen. Das könnte die Medizin sein, um unsere Gesellschaften zu heilen.

Video der 5 Stopps in den Niederlanden

Ein anderer junger Mann sprach über das gleiche Thema, aus der Perspektive seines täglichen Lebens. Wenn er sieht, dass eine Person leidet, es könnte zum Beispiel ein Obdachloser sein, dann ist er bereit, ihm so viel zu geben, wie er bei sich hat. Kleine Gesten würden eben den Unterschied machen. Auf der Metaebene würde dies bedeuten, dass wir diese kleinen Kontaktstellen zwischen größeren Gruppen wie Staaten oder Organisationen brauchen. Wenn es ihnen gelingt, sich gegenseitig zu helfen und für ein gemeinsames Ziel zu arbeiten, dann werden wir in der Lage sein, Veränderungen vorzunehmen. Am Ende schlossen sich einige weitere Menschen an und sprachen über ihr tägliches Leben. So zum Beispiel eine Gruppe von Palästinensern, die zufällig an unsere Kuppel vorbeigingen. Auch wenn sie nicht direkt zu dem Thema beigetragen haben, haben sie dennoch einige Kommentare zu ihrem Leben abgegeben. Schön, eine so vielfältige Gruppe von Menschen unter unserem Dach zu sehen und noch besser, ihnen eine Plattform geben zu können.

 

Der berühmteste Antwerpener Künstler und Humanist, Peter Paul Rubens, hätte dem Großteil der Bemerkungen der Menschen unter unserer Kuppel zugestimmt. Seine Skulptur stand neben unserem Dome und er wäre von der Idee überzeugt gewesen, dass wir unsere Sphere für dieses sehr unterschiedliche Publikum öffnen.

Genau wie Rubens wollen wir, dass die Menschen ihr wahres Gesicht zeigen und ihre Ideen einbringen, damit sie von der breiteren Gesellschaft gehört werden können. Es ist wichtig, sich zu öffnen und inklusiv zu sein, ansonsten distanzieren wir uns nur noch weiter voneinander und bleiben in unseren eigenen Denkweisen stecken. Wir brauchen mehr kreative Ideen, mehr Risiko und insgesamt humanere Werte, sonst werden wir den Spieß nicht umdrehen können und keine bessere Zukunft erreichen.

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