Was sind die Richtkräfte für die Zukunft Europas?

von | 14. Juni 2018

Herzogenrath, Deutschland | Am Sonntag führte die NRW-Tour der European Public Sphere nach Herzogenrath. Als Teil des Realize Festivals 2018 bauten wir den Europe-Dome im Jugendzentrum HOT auf. Das Thema war „Jugend und Europa“ und wir diskutierten mit sechs Schülern der Europaschule Herzogenrath.

Als wir am Morgen in Herzogenrath angekommen sind, mussten wir erst einmal den Platz finden, auf dem wir unsere Kuppel aufbauen sollten. Es war ein Spielplatz der von dem Jugendzentrum HOT und einem Kindergarten benutzt wird. Ein schöner ruhiger Ort, der Aufbau ging schnell voran.

Uns hatten ein paar der Eingeladenen aus verschiedenen Gründen abgesagt und das Programm der Festivals hatte viele andere Angebote zu bieten – von der Ferne etwa hörten wir Musik von einer Bühne – und so versteckt, wie wir da auf der Wiese standen, rechneten wir schon mit einem kleinen Kuppelgespräch. In Witten zwei Tage davor war die Kuppel trotz Regen gut besucht und das Gespräch war bunt und lebendig. Welchen Charakter würde es hier haben?

Das Gespräch war geprägt durch den Austausch mit sechs Schülern, die sich mit ihren weißen T-Shirts als „Crew“-Mitglieder für das Festival zu erkennen gaben und die von der in Herzogenrath ansässigen „Europaschule“ kamen. Sie konnten sich für den Dome-Talk frei machen und neben dem vierköpfigen Aufbauteam war dann noch Hermann Gendrisch von Attac Wurmtal mit dabei und ein Teilnehmer hat seinen Weg unter die Kuppel durch das Programm des Festivals gefunden.

Sechs Schüler der Europaschule Herzogenrath
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„Wir alle leben in der Realität und schauen, wie wir damit umgehen. Die andere Frage aber ist: Wie sollte es vielleicht sein? Was ist sinnvoll, wie sind die Rahmenbedingungen? Und wenn wir etwas gut finden, dann sollten wir uns auf den Weg machen, dafür zu sorgen, dass es so wird, wie wir es uns wünschen, unabhängig davon wir es im hier und jetzt gerade ist.“ Jörg Eichenauer

NRW-Tour, Mehr Demokratie NRW

Wenn das Thema schon „Jugend und Europa“ war, waren wir natürlich daran interessiert, was die fünf Schüler und eine Schülerin zu sagen hatten. Was mich dann dabei sehr bewegt hat, war die Tatsache, dass sie – so schien es mir jedenfalls – fast nur die Schule im Kopf hatten, die Schule und die Frage, wie es in ihrem persönlichen Leben mit Studium und Beruf weitergeht. Was aber an Verantwortung und Perspektive über das „Persönliche“ hinaus möglich und nötig ist, schien mir sehr weit in die Ferne gerückt und die das Leben bestimmenden Gegebenheiten – etwa im Abitur einen bestimmten Numerus clausus für das erstrebte Studienfach zu benötigen – sehr bestimmend.

Nachdem das Gespräch etwas voran ging, war ich dann – den anderen mag es ähnlich gegangen sein – angestachelt, noch etwas mehr hören zu wollen und ich brachte die Ideale der Französischen Revolution ins Gespräch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Ich selbst habe als Schüler von einem meiner Lehrer das erste mal von dieser Trias gehört und auch, dass es darauf ankommt, diese drei „Richtkräfte“ jeweils an der richtigen Stelle zu denken:

Freiheit nicht da, wo es etwa in der Wirtschaft heute nur um egoistische Bereicherung und Gier geht, sondern da, wo es um meine Weltanschauung geht und um meine Impulse, um das was ich einbringen will in das Ganze der Gesellschaft. Gleichheit nicht so, dass alle Menschen gleich gemacht werden, wo sie eigentlich unterschiedlich sind und wo Vielfalt herrschen soll, sondern da wo alle Menschen einer Gemeinschaft sich als Gleiche unter Gleiche am demokratischen Rechtsleben, also an der Hervorbringung unserer Gesetze beteiligen können sollen.

Und Brüderlichkeit wird doch gerade da benötigt, wo es heute am allermeisten fehlt, nämlich in der Wirtschaft, die doch dafür da sein sollte, dass alle Menschen das bekommen, was sie für ein würdevolles Leben benötigen.

Wirtschaft – wenn man sie als Aufgabe im Ganzen der Gesellschaft denkt – kann ja nicht dazu da sein, dass einzelne sich bereichern und andere dabei ausgebeutet werden und verarmen. Das gilt ja heute auch vor allem zwischen den verschiedenen Regionen auf unserer Erde. Der Wohlstand der Einen ist der Ausbeutung der Armen geschuldet. Ein Zustand, gegen den eigentlich jeder (junge) Mensch auf die Barrikaden gehen sollte; innerlich auf die Barrikaden und äußerlich in demokratische Prozesse und selbstorganisierte Verantwortung für eine Erneuerung Europas und der ganzen Erde.
„Attac gilt ja als globalisierungskritische Bewegung und global heißt eben global und nicht Europa und die große Gefahr, die Europa angeht, ist, dass Europa zwar nach inne die Grenzen öffnet, aber nach außen die Grenzen abschließt … und wir sollten auch aufpassen, wenn wir über Europa reden, dass das nicht gleichgesetzt wird mit der EU. Europa geht bis zum Ural. Es darf auf keinen Fall passieren, dass in der Diskussion über Europa der Rest der Welt ausgegrenzt wird.“ Hermann Gendrisch

Teilnehmer, Attac Wurmtal

Video vom Dome-Talk in Herzogenrath
Ich frage mich: Ist aber dabei nicht unser Schulsystem mit Notendruck und Abitur und ganz nur am Leistungsgedanken ausgerichtet, nicht eine der ersten Bastionen, die durch ein neues Denken fallen müssen? Sollten wir nicht eine Initiative zur Abschaffung des Abiturs starten?

Das Gespräch nahm einen sehr schönen Verlauf und es klingt noch immer in mir nach. Wir haben uns daher dazu entschlossen, den Video-Zusammenschnitt etwas länger zu gestalten, damit der Gesprächsverlauf ein wenig besser miterlebbar wird.

Ich denke, dass wir unbedingt in Zukunft noch viele Dome-Talks mit Schülern organisieren sollten!

Einige Fotoeindrücke von unserem Dome-Event: